Peter Behrens schuf das schönste Krematorium

Ist es makaber, einen Ort für einen Ausflug zu empfehlen, an dem andere Menschen die schmerzlichsten und traurigsten Momente ihres Lebens verbringen? Ich habe darüber mit Andreas Sahling gesprochen, dem Friedhofs- und Krematoriumsleiter beim Wirtschaftsbetrieb Hagen. Seine Meinung ist eindeutig: „Wenn man so ein wunderbares Gebäude hat wie wir, dann sollen das auch möglichst viele Menschen sehen und erleben.“ Es betrübt ihn etwas, dass sein Engagement, das Eduard-Müller Krematorium und seine Trauerhale für kulturelle Veranstaltungen zu nutzen, bisher eher erfolglos geblieben sind: „Eine wirklich tolle Lesung – und die Hälfte der Plätze blieb leer, weil vermutlich viele Menschen den Kontakt mit dem Thema Sterben und Trauern scheuen…“

Dabei steht in Hagen-Delstern ein Meilenstein der Architekturgeschichte: Die Trauerhalle stammt von Peter Behrens und ist eines von den wenigen erhaltenen Bauten aus seinen Düsseldorfer Jahren.

1907 starteten die Bauarbeiten, 1911 war das Krematorium fertig, Zunächst fungierte es als reine Trauerhalle. Erst ein Jahr später – 1912 – erlaubten die preußischen Gesetze eine Feuerbestattung. Der Namensgeber dieses Krematoriums – Eduard Müller – war einer der großen Fürsprecher für diese Art des Umgangs mit Verstorbenen. So wurde auch dieses Bauwerk von seiner Formensprache her ein kritisches Gebäude – ein bauliches Gesamtkunstwerk als Widerstand gegen wilhelminischen Fassadenprotz und eingeschränktes Denken.

Von außen sieht das Gebäude eher unscheinbar aus – obwohl man schon auf den ersten Blick Details bemerkt. Beispielsweise dass der Zaun exakt die Form der Fensternischen widerspiegelt:

Es empfiehlt sich, einmal um das Gebäude herumzugehen. Die Rückseite wurde von einem anderen Architekten gestaltet und erinnert an die dicken Mauern einer Burg. Vielleicht dachte der Co-Erbauer an Martin Luthers Choral „Eine feste Burg ist unser Gott…“.

Wer allerdings meint, der Putz auf der einen Seite sei bei der letzten Sanierung vergessen worden, der irrt. Vielmehr handelt es sich bei dem „fleckigen Putz“ noch um den Originalputz von Behrens – und die Friedhofsverwaltung dokumentiert die Art und Weise, wie er verwittert. Faszinierend, dass davon nach 120 Jahren überhaupt noch etwas übrig ist.

Wobei der dicke Schornstein schon zur Bauzeit in dieser Dicke und Monumentalität nicht erforderlich gewesen wäre. Behrens wollte einfach sicherstellen, dass man dieses Gebäude nicht übersieht. So steht der Schornstein-Turm neben der Trauerhalle als weithin sichtbarer Ruf: „Schaut her – hier ist etwas Besonderes“. Mich erinnert er ein wenig an italienische Campanile, die neben den Kirchen errichtet wurden.

Der Wow-Effekt kommt, sobald man die Eingangstür durchschreitet. Innen ist Kontastprogramm für die Augen und den Geist: elegant, feierlich, farblich zurückgenommen auf Schwarz-Weiß.

Die Bodenfliesen spiegeln in ihren Mustern die klassische Architektur einer Kirche: Mittel- und Seitenschiffe. Die Motive der Seiten erinnern an orientalische Teppiche.
Genau wie bei Kirchen gibt es eine Empore mit Orgel. Sie erweitert die Anzahl der Sitzplätze auf fast das Doppelte. Durch die Fenster, die von außen aussehen wir „man müsste sie mal putzen“ fällt nur wenig Licht. Aber dieses ist weich, denn die Fenster bestehen aus haudünn geschnittenem Alabaster.

Blickfang ist das goldene Mosaik im Stil byzantinischer Kirchenmosaiken. Es stammt nicht von Peter Behrens, sondern von Grafiker Emil Rudolf Weiß. Es wurde nicht für diesen Raum geschaffen, sondern für einen Raum in Köln und zog hierher um. Es zeigt in der Mitte den segnenden Gott, links einen schlafenden Jüngling als Symbol für den Tod und rechts einen erwachenden. Über allem ist zu lesen: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis“ – ein Zitat aus Goethes Faust.

Über Peter Behrens habe ich in diesem Blog bereits geschrieben: Behrens-Bau und Katzenbank.

Zur Einstimmung empfehle ich diesen WDR-Bericht: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/westart-meisterwerke/video-peter-behrens—trauerhalle—hagen-delstern-100.html Hier ist auch zu sehen, wie der Katafalk in Bewegung aussieht. Seit diesem Bericht hat sich aber eines verändert: Nach einer umfassenden Sanierung 2016 ist der Einäscherungsofen nicht mehr unter diesem Gebäude, sondern nach links versetzt.

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