Die Becher-Klasse war keine Sauf-Gruppe, in der viel gebechert wurde. Der „Spitzname“ der Düsseldorfer Photoschule stammt von ihrem Leiter – dem Professor Bernd Becher. Obwohl: Er war selten alleine unterwegs – auch als Lehrperson trat er gemeinsam mit seiner Frau auf: Bernd und Hilla Becher. Heute nennt man die Eheleute in einem Atemzug – so wie Christo und Jeanne-Claude.
Das war nicht immer so, obwohl sie fast nur gemeinsam arbeiteten. Denn Bernhard „Bernd“ Becher hatte von 1976 bis 1996 eine Professur für Photographie an der Düsseldorfer Kunstakademie inne. Seine Frau hatte hingegen hatte keinen offiziellen Posten. Wäre da nicht ihr gemeinsames Atelier am Wohnhaus an der alten Schule in Kaiserswerth gewesen, man könnte denken, Hilla sei lediglich ein Anhängsel an der Kunst ihres Mannes gewesen. Dass und wie eigenständig sie war, lässt sich aus der Art und Weise erschließen, in der sie nach dem Tod ihres Mannes die künstlerische Arbeit fortführte.
Das begann schon mit ihrer gemeinsamen Ausbildung: Sie besuchten zeitgleich die Gebrauchsgrafik-Kurse bei Walter Breker an der Düsseldorfer Kunstakademie. Breker ermöglichte es ihr, die erste Fotowerkstatt in der Akademie einzurichten. Der Durchbruch in Sachen Anerkennung war ihre Teilnahme an der dokumenta 5 in Kassel im Jahr 1972.
Sie beiden sahen sich in der Tradition der Neuen Sachlichkeit der 1920er Jahre. Die Folge: Ihre Fotografien waren klare Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Das Thema ihrer Fotografien fanden sie vor ihrer Haustür: Das Ruhrgebiet als Kernregion der Industrialisierung brachte sie hervor: Hochöfen, Kohlebunker, Förderanlagen, Wassertürme, Gasbehälter, Getreidesilos, andere Industriebauten, aber auch Fachwerkhäuser. Mit ihrem künstlerischen Blick stellten sie rasch fest, dass diese keine seriell gefertigten Strukturen waren, sondern teils enorm individuelle Lösungen für die industriellen Anforderungen.
Ob Fördertürme, Wassertürme oder Strommasten – die Industrialisierung brachte viele Bauwerke mit sich, die irgendwie gleich aussehen, weil sie die gleiche Funktion hatten oder haben. Sieht man aber genauer hin, dann sind es Individuen: Kaum ein Wasserturm gleicht dem anderen. Der Fernsehturm auf dem Berliner Alexanderplatz ist ein Individuum, ebenso wie der Rheinturm. Und auch Strommasten unterscheiden sich voneinander. Diese Individualität in der Uniformität aufzuzeigen ist ein Verdienst von Bernd und Hilla Becher.
Ihren sehr speziellen Blick auf industrielle Formen setzten sie in Fotoserien um. Sie setzten sich formal strenge Regeln – eine klare Bildkomposition, neutrale Perspektiven und der Verzicht auf anekdotische Details. Sie betrachteten ihre Motive wie Individuen, die es zu porträtieren gilt. Ihre Arbeiten wurden in den 1970er-Jahren der Konzeptkunst zugerechnet. Ursprünglich kamen die Bechers aus der dokumentarischen Ecke, lenkten aber mit ihrem künstlerischem Anspruch die gesamte Fotografie in eine neue Richtung. Und diese Richtung ging in die Geschichte der Fotografie ein als die sogenannte Becher-Schule.
Ihre Motive fanden die Bechers überall und weltweit. Fördertürme beispielsweise dokumentierten sie in den Appalachen ebenso wie im heimischen Ruhrgebiet. Gerade in den USA sind diese einstigen Holzkonstruktionen inzwischen quasi flächendeckend verschwunden. So wurde das Künstlerpaar im nachhinein zu Dokumentaren einer untergegangenen Lebensweise.
Hier exemplarisch zwei Arbeiten – das erste im Stadtmuseum, das zweite im K21 aufgenommen:


Aus der Becher-Klasse gingen eine Handvoll der bekanntesten – und teuersten – Fotokünstler der Welt hervor. Jede und jeder von ihnen modifizierte den Ansatz ihrer Lehrer. Sie brachten neue technische Möglichkeiten und eine persönliche, zeitgenössische Perspektive ein. Doch behielten sie die von ihren Mentoren propagierte dokumentarische Methode bei.
Achtung – jetzt kommt Name-Dropping: Candida Höfer – die einzige Frau unter den ganz großen Fotokünstlern. Sie fotografierte beispielsweise 2011 das Dreischeibenhaus vor dessen großem Umbau:

- Axel Hütte – über dessen Ausstellung im Kunstpalast ich in diesem Blog bereits geschrieben habe (Hütte-Fotos im Kunstpalast)
- Andreas Gursky, über den ein eigener Blog-Beitrag noch aussteht
- Thomas Ruff und Thomas Struth. International erhielt das Trio Struth, Ruff und Gursky den Spitznamen oder die Zusammenfassung „Struffsky“.
Überraschende Ähnlichkeiten und den Einfluss der Becher-Schule auf die zeitgenössische Fotografie zeigte mir eine Ausstellung mit afrikanischer Fotografie im K21 vor ein paar Jahren. Die Parallelen der Sichtweise auf Frisuren und Industriebauten ist frappierend!
Als Außenstelle der Akademie unterrichteten die Bechers eine zeitlang in einem Hinterhof in der Stadtmitte – in der kleinen Karl-Anton-Straße. Auch heute noch kann man tagsüber den Innenhof der Hausnummer 16 durchs Hoftor betreten. In dem gut sanierten Gebäude auf der rechten Seite – erkennbar durch den Balkon im ersten Stock – wurde einst Kunstgeschichte gemacht.
Die Becher-Schule ist deshalb nicht nur eine Fotoklasse, sondern eine ganze Bewegung. Sie hat die Fotografie als Kunst neu definiert. Sie verbindet dabei dokumentarische Strenge mit konzeptueller Tiefe. Durch sie wurde Düsseldorf zu einem Zentrum der modernen Fotografie. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar, denn das Deutsche Fotoinstitut (DFI) entsteht derzeit in Düsseldorf. Es soll sich der Sicherung, Erschließung, wissenschaftlichen Bearbeitung und Vermittlung des fotografischen Erbes in Deutschland widmen. Auch wenn derzeit noch nicht klar ist, wo genau das DFI künftig sein Zuhause finden wird: Bereits in diesem Jahr soll ein Rumpfteam starten – und beispielsweise bei der Rettung von gefährdeten Beständen aktiv werden.
Auf der Homepage des DFI (https://dfi-ev.org/) wird übrigens eine Serie von Fachwerkhäusern aus dem Siegener Land von Bernd und Hilla Becher gezeigt.

