Pausbäckig steht sie da, der Wind zerzaust ihre Haare. In der Hand hält sie einen Ball – oder ist es die Weltkugel in klein? Ehra heißt das Mädchen. Fast niemand beachtet sie, obwohl sie mitten in der Stadt steht, an einem der belebtesten Plätze, direkt neben dem Alten Hafen.
Es ist Ehra, ein Sinti-Mädchen. Sie wurde am 16. Mai 1940 deportiert – in dieser Woche jährt sich dieser menschenverachtende Transport zum 86. Mal.




Rechts von der Bronzefigur wurde auf dem Mäuerchen eine Platte angebracht:
„Zum Gedenken an die Sinti und Roma, die durch den Nationalsozialismus Opfer des Völkermordes wurden. Diese Figur des Sinto-Mädchens Ehra schuf der Künstler Otto Pankok (1839-1966) zur Erinnerung an die mit ihm befreundeten Düsseldorfer Sinti, von denen über 100 aus dem Lager Höherweg abtransportiert und ermordet wurden. Das Mädchen Ehra selbst gehörte zu den wenigen KZ-Überlebenden.“

Pankok zog nach Ende des Ersten Weltkriegs 1919 nach Düsseldorf. 1931 reiste er nach Frankreich und begegnet dort erstmals „Zigeunern“ – den Sinti in Saintes-Maries-de-la-Mer. Sie faszinierten ihn derart, dass er nach seiner Rückkehr nach in Düsseldorf den Kontakt zu den hiesigen Sinti sucht. Bis 1934 stellt er sie und ihr Leben häufig dar.
Pankok stellte seine Staffelei in einem Hühnerstall in der Nähe des Heinefelds unter, einem ehemaligen französischem Schießplatz im Norden der Stadt. Dort hatten viele Sinti- und Romafamilien Notunterkünfte gebaut und ihre Wagen aufgestellt. In der „wilden Siedlung“ existierten sie buchstäblich am Rande der Gesellschaft.
Ehra war eines der Modelle für Otto Pankoks „Zigeunerbilder“, aber auch für seinen berühmten „Passionszyklus“. Wir wissen über sie nicht allzu viel. Sie wurde 1921 geboren und am 16. Mai 1940 deportiert. Unter dramatischen Umständen überstand den Völkermord an den Sinti und Roma im besetzten Polen. Ehra kehrte nicht nach Düsseldorf zurück und lebte noch bis 1994.
Was wir aber aus den Erzählungen von Pankos Tochter Eva wissen: Er mochte dieses fröhliche Mädchen mit den Wuschelhaaren sehr gern und nannte sie liebevoll „Strubbelkopp“.
Seine Freundschaft mit den marginalisierten Sinti ebenso wie sein zutiefst menschliches Mitgefühl mit dem Schicksal anderer „Ausgestoßener“ führten dazu, dass Otto Pankok selbst zu einem solchen wurde. Nach der Machtergreifung Hitlers 1933 wurde er auch verfolgt: Er musste Hausdurchsuchen erdulden, wurde unter polizeiliche Aufsicht gestellt und erhielt Arbeitsverbot. Ein großer Teil der Bücher über seine Kunstwerke wurden in seiner Wohnung beschlagnahmt. Auf der Ausstellung „Entartete Kunst“ in München werden „Zigeunerlithos“ von Otto Pankok gezeigt. Deshalb musste Pankok mit seiner Familie in die Schweiz emigrieren – wo sie unter anderem auf Else Lasker-Schüler trafen.
Otto-Pankok-Museum in Hünxe
Vor einiger Zeit bin ich vielen Ehras begegnet, nämlich bei einem Ausflug an den Niederrhein nach Hünxe ins Otto-Pankok-Museum. Dort ist ihr und den verfolgten Sinti des Heinefelds ein ganzer Raum gewidmet und auf dem Gelände stehen mehrere Ehra-Skulpturen.






Mehr zu meinem Besuch in Hünxe gibt’s in diesem Blog-Artikel: Vater und Tochter Pankok malten gemeinsam.
Das dortige Café trägt Ehras Namen: cafe-ehra.de. Am ersten Sonntag im Monat bietet es eine wundervolle Kombination aus einem leckeren Frühstücksbüffet (Pflicht-Beginn um 9:30 Uhr!) und einer anschließenden Führung im kleinen Kreis durchs Museum. Meine uneingeschränkte Empfehlung!
Eine weitere Ehra steht in Mülheim an der Ruhr im Stadtteil Saarn – unweit des Geburtshauses von Pankok.
Habe ich nun Ihr Interesse geweckt, mit mir Kunstwerke im öffentlichen Raum in Düsseldorfs Zentrum zu entdecken? Dann kontaktieren Sie mich!

