Glas-Krypta verzaubert mit bunten Farben

Kürzlich habe ich einen magischen Ort in Düsseldorf entdeckt: die Krypta unter dem Partikasaal der Robert-Schumann-Hochschule. Ich hatte die Gelegenheit – empfinde es tatsächlich als Glück – an einer Führung durch den Künstler Emil Schult teilnehmen zu können, der sein Werk erklärte. Ohne seine Erläuterungen hätte sich mir die Bedeutung der Wand-, Decken- und Bodengemälde mit ihrer hebräischen Zahlen- und christlichen Bildsymbolik nicht erschlossen, und ebensowenig die Bild- und Farbkompositionen und die Materialtechniken.

Emil Schult studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie. Er war Schüler von Joseph Beuys, dessen Idee der „sozialen Plastik“ – der Verbindung der Menschen miteinander – heute laut Schult im www, dem weltweiten Internet weiterlebt. Sein Studium beendete Schult als Meisterschüler von Gerhard Richter. In diese Krypta hat Schult seine ganze Lebenserfahrung eingebracht: Er musste als Flüchtling die DDR, und wurde als evangelischer Christ im katholischen Kevelaer aufgenommen – und fühlte sich dort nicht willkommen. Später studierte Schult in den USA und lebte eine Zeit lang in der Karibik auf den Bahamas.

Vor mehr als 20 Jahren hatte der damalige Rektor der Musikhochschule, Prof. Dr. Helmut Kirchmeyer, die Idee, den Studierenden von Kirchenmusik einen Ort innerhalb der Hochschule zu schaffen, an dem sie innehalten, meditieren, komponieren und musizieren können: ein spiritueller Rückzugsraum ohne lange Wege. Überkonfessionell und für alle Religionen einladend sollte der Raum sein. Tatsächlich nutzen ihn aber nur wenige Studierende – sie „haben schlicht keine Zeit“, sagt Schult.

Zunächst einmal geht es die Treppe hinunter und durch einen weiß gestrichenen, unauffälligen Kellergang, wie er in einem Mehrfamilienhaus zu finden sein könnte. Hinter einer ebenso unauffälligen Tür öffnet sich links ein Flur, der in neun Blautönen gehalten ist. Die Zahl ist nicht zufällig gewählt, denn die Erde ist von neun Hüllen umgeben. So wie die gesamte Krypta auf Zahlensymbolik beruht.

Schult selbst wuchs evangelisch auf. Deshalb stellte ihm die katholische Kirche einen Kenner der biblischen Zahlensymbolik zur Seite: Monsignore Hans A. Hutmacher. Denn Zahlen, Farben und Klänge bilden in dieser Krypta eine synästhetische Einheit. So versteht ein Hebräer bei der Zahl 34 sofort den Hinweis auf Babel – „Bbl“. Schon im Vorraum begegnen uns die Götzen der Gegenwart und der Vergangenheit. Der historische Turmbau zu Babel hängt neben seinem modernen Pendant, dem Burj Khalifa. Ein anderes Bild zeigt Moloch.

Die Sonnenwand

Dann öffnet sich die Tür zur eigentlichen Krypta – und der Besucher ist geflasht von der intensiver Farbigkeit der Sonnenwand, auf die der erste Blick fällt. Das liegt daran, dass der ganze Raum aus Glas ist, bemalt in Hinterglasmalerei. Die Ursprünge der Hinterglasmalerei liegen in China. Dort wurden mit einem einzigen Haar von innen Bilder in winzige Flaschen gemalt. Allein an dieser Wand arbeitete Schult ein ganzes Jahr.

Die Sonne an der Wand ist von sieben Ringen umgeben. Sie thematisieren den Sitz Gottes, das Volk Gottes, das gesamte Universum. Der erste Ring besteht aus 17 Feldern, die für die Ökumene stehen. Der zweite Ring hat zweimal sieben Felder – ein Hinweis auf den Heiligen Geist. Die Zahl 46 steht für die Anzahl der Bücher des Alten Testaments, 76 ist die Summe aller biblischen Bücher und symbolisiert die Weisheit Gottes. Der letzte Ring umfasst 153 Felder, die für die „Fülle der Völker“, also die gesamte Menschheit, stehen.

Links ist das Babel-Fenster, ganz in Rot und Schwarz gehalten. Es ist umgeben von zwölf fröhlichen Farben. Schult erzählt: „Ursprünglich war die Zahl 13 eine Glückszahl, erst Unterdrückungsmechanismen machten sie negativ.“

Rechts neben der Sonne ist die Dreieinigkeit – die Doxologie (Pater et Filius et Spiritus Sanctus) – von einem Regenbogen umgeben. Dieses Auge Gottes ist ein aktives Fenster, verbunden mit der Außenwelt. Der grüne Strahl – die Farbe Gottes – steht für Hoffnung und erscheint in sieben Strahlen. Die Ausgießung des Heiligen Geistes wird durch einen weißen Ring dargestellt: Anochí Jahwe – „ich bin“, französisch je suis, lateinisch Jesus. Die grünen Linien bilden eine Art Notenlinien, der Bezug zur Musikhochschule, aber auch wie ein liturgischer Gesang. Jede Note ist mit einem biblischen Symbol versehen.

Die Kreuzwand

Direkt gegenüber der Sonnenwand ist die Kreuzwand: Hier herrschen fünf Goldtöne – die Farbe der Ewigkeit.

Vorsichtig schiebt Schult zwei der Glasfenster beiseite und zum Vorschein kommt ein leuchtendes Kreuz, eingefasst in eine Mandorla, die es schützt. Drum herum tupfte Schult 643 Punkte. Sie stehen für Logos – vinos – artos (Wort – Wein – Brot).

Zwei Erzengel, Michael und Gabriel, bewachen das Kreuz. Von Engeln sieht man nur die Auswirkungen – wie bei einem Stein, der ins Wasser fällt und Kreise zieht.

Kosmos und Völker

Schult verwendete Glas, weil es spiegelt. Denn alles im Universum ist ein Aspekt des anderen und spiegelt sich gegenseitig. Unten am Boden befindet sich die Erde, zu 66 Prozent aus Wasser bestehend. Oben ist der Himmel mit 253 Sternen. Auch hier die Zahlensymbolik, denn zählt man alle Zahlen bis 22 zusammen, ergibt sich diese Summe. Der Himmel stellt den Urknall dar – eine Vergrößerung der von Schult genutzten Palette seiner Malfarben.

Die beiden Seiten sind die Völkerwände. Sie zeigen verschiedene Nationen, darunter auch die US-Flagge.

Doch war für Schult die Krypta ohne passende Musik nicht fertig. „Musik und Kunst sind die zwei Sprachen, die die Menschheit verbinden“, ist Schult überzeugt. Er kontaktierte Karlheinz Stockhausen, schickte ihm 50 Fotos der Krypta – und der Komponist machte sich an die Arbeit – eines seiner letzten Werke. Die Klangbilder ordnen den optischen Eindrücken ein musikalisch-sinnliches Erlebnis zu. Ich fühlte mich tatsächlich in himmlische Sphären entrückt, wie im Raumschiff, im Weltall. Es ist eines der letzten Werke von Stockhausen.

Finanziert wurde die gesamte Krypta von dem Düsseldorfer Unternehmer Friedrich-Wilhelm Hempel. Von ihm stammte die Bedingung, dass die Krypta offen für alle Konfessionen genutzt sein solle.

Mehr zu Emil Schult in seinem Eintrag in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Emil_Schult

Emil Schult fasst die eindrückliche Message der Krypta so zusammen: „Sie möchte zeigen, dass Menschen die Fähigkeit besitzen, sich durch Selbstachtung aus Situationen zu befreien, die ihnen nicht gut tun.“

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