Die bunten Nanas versprühen Fröhlichkeit – doch ihr Hintergrund ist alles andere als froh. Ihre Erschafferin Niki de Saint Phalle hatte in ihrem Leben einen ganzen Sack voller Herausforderungen. Als Jugendliche wurde sie sexuell missbraucht. Später bekam sie zwei Kinder und empfand die Geburten als traumatisierend. So sehr, dass sie sich zeitweise mit selbstzerstörerischen Gedanken trug und in die Psychiatrie musste. Später sagte sie, dass sie ohne Kunst wohl ihr ganzes Leben lang weggesperrt worden wäre – und gar keine andere Wahl hatte, als Künstlerin zu werden.
Im Mittelpunkt ihres Schaffens steht das Frau-Sein. Mit allem, was damit zu tun hat. Mensch zweiter Klasse zu sein beispielsweise. Denn zu ihrer Zeit war es noch überdeutlich, dass Männer die Macht hatten, sich alles nahmen, und Frauen brav zurückstecken mussten und längst nicht alles durften. Niki benahm sich einfach wie ein Mann: Sie war wütend – auf das Leben, auf sich, auf alles. Also schnappte sie sich eine Knarre und schoss. Auf Bilder aus Gips, in den sie Farbbeutel eingegipst hatte. Wurde diese getroffen, platzten sie und dicke Farbtränen rollten das weiße Gipsbild hinab.
Was heute wie die alltägliche Mini-Rebellion einer Teenagerin wirkt, war in den 1960er Jahren tatsächlich ungeheuerlich. So reiht sich Niki de Saint Phalle ein in eine Reihe Künstlerinnen wie Yoko Ono, Kuusama und Anne Truitt, die heute weltweit anerkannt sind, damals aber eher belächelt wurden. Und vor allem: Deren Werke deutlich niedrigere Preise erzielten als die von Männern, die ähnliches taten. Gender Pay Gap heißt das heute.
Irgendwann hatte sie so viel Wut rausgelassen, dass sie sich mit den Ursprüngen ihrer Wut beschäftigen konnte: Sexueller Missbrauch – ein direkter Angriff auf ihren Körper, der Dämonen in ihrer Seele hinterließ. Folgerichtig erschuf sie Frauenkörper. Einmal so riesig, dass man durch die Vagina hineingehen konnte und drinnen eine Bar und ein Kino waren. Und garnierte diese mit Teufeln und Spinnen. Die Schwarze Witwe faszinierte sie, weil bei dieser Spinnenart das Weibchen nach der Paarung das kleinere Männchen auffrisst. Nicht als Rache, sondern um damit das Heranwachsen des Nachwuchses zu sichern. Eine Art, in der das Männchen mal nicht gewinnt wurde zum Vorbild von Niki.












Ein Lob geht an die Ausstellungsmacher*innen: Beim Gang von einem Raum zum nächsten schlagen die bunten Wände ins Auge – und passen doch wunderbar zu den Exponaten. Und dass ihre Assemblage-Landschaft neben einem der ikonisch-blauen Werke von Yves Klein platziert wurde, passt wirklich genial.
Viele Künstler fragen: „was wäre, wenn…“. Das bewundere ich an ihnen: Sie nehmen die Realität und denken sie dann einen Schritt weiter. So ploppen bisher nie dagewesene Lösungen auf, jemand macht irgendwas zu allerersten Mal. Kreativität kommt auch im Unternehmertum, ist also nicht auf Künstler beschränkt. Daher stimmt der Spruch von Joseph Beuys: Jeder Mensch ist ein Künstler … denn wir finden im Alltag alle immer wieder kreative Lösungen für unsere Herausforderungen.

