Wer vom Medienhafen zu den anderen Hafenbecken blickt, dem fallen drei Unternehmen und Gebäude ins Auge: Die Plange Mühle mit ihrem Uhrenturm. Dort wurde einst das Mehl der Marke Diamant hergestellt. Die Toten Hosen hatten hier jahrelang ihr Studio, und heute ist dort das Büro des Architekten Christoph Ingenhoven. Der Futtermittelhersteller Deuka, erkennbar an dem großen Bild von Schwein, Kuh und Huhn. Und Fortín. Offizieller Name: Fortín Mühlenwerke. Selbst als Stadtführerin war mir lange Zeit nicht klar, was für ein bedeutsames Unternehmen das ist … bis ich es zur Langen Nacht der Industrie besichtigen durfte. Geschäftsführer Ulrich Schumacher persönlich führte unser kleines Grüppchen. Sein Urgroßvater hat das Unternehmen am 8. August 1932 gegründet. Fortín gibt es dieses Jahr also seit 94 Jahren.


Allerdings war der Betrieb nicht immer an seinem heutigen Standort. Früher war er deutlich stadtnäher, nämlich am Standort des heutigen Landtags. Für diesen musste das ganze Unternehmen in den 1980er Jahren umziehen. 2011 passierte dann, wovor sich jede Getreidemühle fürchtet: ein schmorendes Kabel verursachte einen Großbrand. Die Feuerwehr fürchtete Staubexplosionen, die den gesamten Medienhafen hätten zerstören können. In der Folge wurde der gesamte Betrieb erneuert und modernisiert.








Was haben Ghana und der Kongo Düsseldorf voraus? Dort ist Fortín eine bekannte Marke. Ulrich Schumacher erzählt: „Die Engländer haben als Kolonialmacht dort das Porridge als Frühstück hinterlassen – und die Nachfrage nach zarten Haferflocken ist dadurch groß.“ Fortin profitiert dabei von seiner kostengünstigen Verpackung, denn der Haupt-Wettbewerber verkauft seine Flocken in Alu-Dosen und sei daher im Preis teurer. „Wer heute nach Brazzaville hineinfährt, der kommt an riesigen Werbeplakaten für unsere Fortín-Haferflocken vorbei.“
In Deutschland hingegen ist Fortín – der größte Hersteller von Haferflocken in der Europäischen Union – außerhalb der Branche unbekannt. Den Fortín geht nicht unter eigenem Namen an den Markt sondern produziert die Handelsmarken der großen Supermarktketten wie Aldi, Lidl und Netto. Viele Flocken gehen an Müsli- und Cerealienhersteller und Großbäckereien. Die erhalten jedoch nicht die praktischen 500 Gramm-Haushaltspackungen, sondern wahlweise 25 Kilo Säcke oder sogenannte Big Packs. Verarbeitet wird hier zu 98 Prozent Hafer, aber auch Weizen, Gerste, Dinkel und Roggen. Die Abnehmer sitzen in mehr als 60 Ländern.
Spannend finde ich die internationalen Verflechtungen nicht nur auf Verkaufsseite (Stichwort Westafrika), sondern auch auf der Einkaufsseite. Man könnte denken, in Deutschland wachse doch reichlich Hafer auf den Feldern und deshalb lieferten vor allem deutsche und Bauern der Region ihre Ernte hier ab. Das auch … aber… Hier schlägt bereits der Klimawandel ins Kontor: In Deutschland ist es dem sensiblen Hafer zu warm und zu trocken – und das nicht erst nach diesem trockenen Hitzesommer, wo es hierzulande kaum pralle Getreidekörner gibt. „Der beste Hafer kommt aus Finnland, aber wir beziehen auch viel aus Irland“, erzählt Schumacher. Angeliefert wird per Schiff, das Getreide gelangt per Saugrüssel zeitlich passgenau in die Produktion, sodass nur relativ geringe Lagerbestände vor Ort sind. Ein Problem beim Niedrigwasser des vergangenen Sommers.
Nicht zu sehen ist, dass die Dächer der Produktionsgebäude heute voller Photovoltaik-Module sind. Das Ziel: Unabhängigkeit vom Energiemarkt. Denn der Betrieb, der an sechs Tagen die Woche 24 Stunden läuft, braucht eine permanente Energieversorgung. Fünf Tonnen Dampf pro Stunde. Fällt der Dampf aus, steht der Betrieb nach drei Minuten still.

