Zwischen mehrstöckigen Neubauten steht in Derendorf ein kleines Kirchlein aus Backstein. Es ist der letzte Rest eines einstigen Gefängnisses, der „Ulmer Höh“. Das Thema „Gefängnis“ ist heute dran, weil übermorgen der 18. März ist, der weltweite „Tag der politischen Gefangenen“.
1893 wurde nach einer mehrjährigen Bauphase diese Vollzugsanstalt im Norden Düsseldorfs fertiggestellt. Angeblich wurde diese kleine Anhöhe einst als Hinrichtungsplatz genutzt, der damals vor den Toren der Stadt lag. Hier gab es Platz für mehr als 800 Haftplätze. Im Februar 2012 zogen die letzten Insassen der Haftanstalt in die neugebaute Justizvollzugsanstalt um, die knapp hinter der Stadtgrenze auf Ratinger Stadtgebiet liegt.
Einige Jahre lang waren die Gebäude regelrechte „Lost Places“, dann wurden sie abgerissen, und mittlerweile ist ein neues Stadtquartier entstanden. Aus Gründen des Immobilienmarketings hat die Bauherren-Unternehmung Interboden ihm den Titel „maxfrei“ gegeben – nach „Eingesperrtsein“ kommt jetzt die „maximale Freiheit“. Etwa 540 neue Wohnungen entstehen und werden sukzessive bezogen.


Ein einziges Mal durfte ich das Geländer der JVA betreten – geschätzt war das im Jahr 1994. Damals war ich bei der Bild-Zeitung und es gab irgendeine Veranstaltung in der Kirche. Man verzeihe mir, wenn ich mich tatsächlich nur noch daran erinnere, dass ich durch die Schleuse hineingehen musste und mein Ausweis kontrolliert wurde. Das erinnerte mich damals an die Kontrollen an der DDR-Grenze. Und es war auch nicht die erste JVA, die ich von innen sah: Im Rahmen eines Praktikums am Landgericht Fulda durfte ich als Jura-Studentin die dortige JVA besichtigen und auch mit Inhaftierten sprechen.
Beeindruckende Fotos aus der Ulmer Höh finden sich hier:
Im vergangenen Jahr wurde ein Buch veröffentlicht, das sich erstmals der Zeit während der NS-Herrschaft in der Ulmer Höh widmet. Zu der Zeit wurde die Grenzen der Häftlingskategorien unschärfer: Diebe hießen in politisierter Form „Volksschädlinge“ oder „Reichsfeinde“. Für viele der Häftlinge ging es von Derendorf aus weiter in Konzentrationslager. Zu den bekanntesten Inhaftierten gehörten Oberbürgermeister Dr. Robert Lehr, der spätere Stadtdirektor Dr. Walther Hensel, der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff (über den Autor der „Moorsoldaten“ habe ich in diesem Blog bereits geschrieben), der Schriftsteller Bernt Engelmann, der Kunstmaler Peter Ludwigs, der kommunistische Widerstandskämpfer Wilhelm Knöchel und der Generalpräses der katholischen Jugendbewegung Ludwig Wolker. Im Gefängnis“krankenhaus“ wurden Medizinverbrechen begangen, beispielsweise Kastrationen und Sterilisationen. Und nicht zuletzt starben viele Gefangene bei den zahlreichen Bombenangriffen auf den benachbarten Rüstungskonzern Rheinmetall.
„Ulmer Höh’. Das Gefängnis in Düsseldorf-Derendorf im Nationalsozialismus“, Autor Bastian Fleermann, 488 Seiten, Droste-Verlag, ISBN 978-3-7700-6044-3, 22 Euro.
Adresse:
Ulmenstraße 95
Düsseldorf-Derendorf

