Jan Wellems Schwester wurde Kaiserin in Wien

Da besucht man Wien – und schwupps ist man gedanklich wieder in Düsseldorf. So geschehen bei meinem Besuch der dortigen Kaisergruft. Sie wird auch Kapuzinergruft genannt, weil sie unter der Kapuzinerkirche ist. Hier liegt die Schwester von „unserem“ Kurfürsten Jan Wellem: Eleonore Magdalena, oder mit vollem Namen: Eleonore Magdalena von Pfalz-Neuburg. Sie starb am 19. Januar 1720 – heute vor 306 Jahren.

Eigentlich wollte Eleonore Nonne werden, sie hielt nichts von Prunk und Angeberei. Diesen „Berufswunsch“ musste sie aber ad acta legen, als der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs 1676 um ihre Hand anhielt. Die ersten beiden Frauen des Habsburgers Leopold I. waren eng verwandt – zu eng. Sie brachten aufgrund dessen keine überlebenden Thronfolger zur Welt und starben zudem selbst schon als junge Frauen. Eleonore war für ihn interessant, da ihre Mutter insgesamt 14 (!) Kinder bis ins Erwachsenenalter gebracht hatte und man davon ausging, dass auch die Tochter diese Fruchtbarkeit mit sich brachte und gesunde Kinder gebären würde. Von Genetik und Inzucht wusste man damals noch nichts.

Diese in Eleonore gesetzte Hoffnung erfüllte sich: Zehn Kinder brachte sie zur Welt, davon drei Söhne. So sorgte sie dafür, dass die Habsburger nicht ausstarben. Joseph I. und – als sein Bruder starb – Karl VI. wurden beide Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. Vor allem ihre Enkeltochter ist bekannt: Maria Theresia.

Doch war Eleonore für ihren 15 Jahre älteren Ehemann mehr als nur eine Gebärmaschine. Nicht zuletzt durch ihr Talent für Sprachen machte sie sich ihm schnell unentbehrlich. Ihr Französisch war perfekt, seines nur so lala – und so übernahm die junge Kaiserin rasch die Aufgaben einer Dolmetscherin, Sekretärin und Poststelle: Sie sortierte die kaiserliche Korrespondenz, las dem Kaiser vor und besprach mit ihm die Antworten. Dies war für die tiefreligiöse Frau wohl eine Fingerübung, denn sie übersetzte auch religiöse Bücher ins Deutsche.

Eleonore Magdalena wurde auch zur Königin von Ungarn. Sie überlebte ihren Mann um 15 Jahre und übernahm für einige Zeit die Regentschaft als Kaiserin und Königin, bis ihr Sohn alt genug war, um selbst den Kaiserthron zu besteigen. Sie war eine tatkräftige und pragmatische Frau.

Auch als es um ihr Ende ging, hatte sie konkrete Vorstellungen: Sie wollte zu Füßen ihres Mannes liegen – was in der Kaisergruft eine wahre Revolution war. Bis dato waren Männlein und Weiblein auch im Tode gar züchtig getrennt. Auf der rechten Seite stehen bis heute die Särge der Frauen, links die der Männer … mit der Ausnahme von Eleonore. Nur ein Stützpfeiler steht heutzutage zwischen ihr und den Füßen von Leopold I.

Als es um ihren Sarg ging, hatte sie ebenso konkrete Vorstellungen und wendete sich ganz ihrem ursprünglichen klösterlichen Traum zu: Es sollte ein ganz schlichter Holzsarg sein, denn vor dem Schöpfer sind im Tode alle Menschen gleich. Dieser Wunsche wurde ihr gewährt … bis ihre Enkelin, die Kaiserin Maria Theresia, meinte, dass das nicht ins Bild der Macht der Familie passt, das die kaiserliche Gruft ausstrahlen soll. Sie ließ einen Prunksarg um den einfachen Sarg herum gestalten – und in diesem kann man Eleonore heute „anschauen“.

Auf jeder Ecke ihres Sarges sitzt eine Krone – schließlich war sie sowohl als Kaiserin als auch als Königin gekrönt.

Ihrer Geburtsstadt Düsseldorf blieb Eleonore stets verbunden und kam mehrfach zu Besuch zu ihrem Vater, Kurfürst Philip Wilhelm, und ihrem Bruder Jan Wellem. Mit beiden führte sie rege Briefwechsel. Hier ein Beispiel, Weihnachtsgrüße aus Wien:
https://emt-project.github.io/emt-static/kasten_blau_44_11_0329.html

Eine weitere Leseempfehlung für Geschichtsinteressierte ist der Blog des Düsseldorfer Historikers Peter Hachenberg, der in mehreren ausführlichen Artikeln zur „Kaiserin aus Düsseldorf“ geschrieben hat. Teil 1 behandelt ihre Kindheit und Jugend – und ihre tiefe Religiosität:

In Teil 2 geht es um Heiratsfähigkeit (katholisch, gesund und gebärfähig sollte sie sein) und ihre Zeit als Kaiserin des Heiligen Römischen Reiches, die Hochzeitsfeierlichkeiten in Passau und ihre Wiener Zeit als Kaiserin:

Teil 3 nimmt die gleichzeitig neben der Frömmigkeit unzweifelhaft bestehende Lebenslust Eleonore Magdalenas in den Fokus. Es geht um kulinarische Vorlieben – und auch um die vielleicht gar nicht so objektiven Biographen dieser starken Frau aus Düsseldorf:

Wie eng die Beziehungen zwischen den Habsburgern in Wien und den Düsseldorfer Wittelsbachern war, lässt sich auch an Jan Wellems erster Ehefrau erkennen: Sie war Kaiser Leopolds Halbschwester Maria Anna. Über sie schreibe ich bestimmt auch noch in diesem Blog…

Kurfürst Jan Wellem kam bereits häufiger in meinem Blog vor, wenngleich ich ihn noch nie so richtig vorgestellt habe, wie mir jetzt auffällt. Werde ich nachholen – versprochen! Geschrieben habe ich beispielsweise über die Kapelle zu Jan Wellems Geburt.

Übrigens bin ich auch bei Recherchen zu einer Smartphone-Tour durch Cochem an der Mosel auf Eleonore gestoßen: Der berühmteste Sohn der Stadt – Pater Martin von Cochem – widmete ihr sein 1677 veröffentlichtes und wichtigstes Erbauungsbuch „Leben Christi“. Sollte also ein Ausflug an die Mosel anstehen, dann empfehle ich den Rundgang „Malerisches Cochem: Mittelalter, Wein & Franzosen“ auf der Plattform lialo.com (Abk. für „like a local“).

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